Energiehandel, Kurven auf Display Energiehandel, Kurven auf Display

Energieeinkauf und Energiepreise

Die Diskussionen um die hohen Energiepreise und die damit einhergehenden Preisbremsen ebben nicht ab. Kunden fragen immer wieder, warum die Endkundenpreise hoch bleiben, obwohl die Preise im Großhandel stark gefallen sind und sogar unter dem Vorjahresniveau liegen.

Gründe für weiterhin hohe Energiepreise

Die Ursachen, warum die Energieversorger aktuell ihre Preise noch nicht senken, sind vielschichtig.
So sind die Endkundenpreise im vergangenen Jahr nicht unmittelbar und entsprechend der Preisanstiege im Großhandel gestiegen, sondern entwickelten sich zeitversetzt.

Der Grund dafür liegt in den langfristigen Beschaffungsstrategien der meisten Energiedienstleister. Das sorgt dafür, dass sich Preisschwankungen im Großhandel und an der Börse erst zeitverzögert auf die Endkundenpreise auswirken. Durch langfristige Beschaffungsverträge mit Preisbindung für die Vertriebskosten konnte der extreme Anstieg der Großhandelspreise der vergangenen eineinhalb Jahre abgepuffert werden. Und genauso wirkt sich nun der gesunkene Einkaufspreis erst später auf die Endkundenpreise aus. Kurz gesagt: Ausschlaggebend für die heutigen Endkundenpreise sind die Großhandelspreise, zu denen die Energieversorger im vergangenen Jahr eingekauft haben.

Wie funktioniert der Energieeinkauf?

Doch wie funktioniert der Energieeinkauf überhaupt? Wir haben bei unseren Kollegen Nicolle Fröhlich und Marcus Faustmann nachgefragt.

Nicolle, wie können sich unsere Leser den Energieeinkauf vorstellen?

Unsere Beschaffungsprozesse sind recht komplex und umfangreich.
Strom- und Gasmengen werden an sogenannten virtuellen Handelspunkten gehandelt. Wir als regionales Energieversorgungsunternehmen kaufen Strom und Gas über Importeure, Großhändler und andere Energieversorgungsunternehmen sowie über die Energiebörsen und Handelsplattformen. Strom- und Gasmengen werden in Produkte im Kurz- und Langfristbereich untergliedert. Die Bedarfsmengen und die Verbrauchsstrukturen spielen dabei eine große Rolle. Denn auf Grundlage aufwendiger Prognosen und unseren Erfahrungen beschaffen wir langfristig bis zu fünf Jahre im Voraus die Energie für unsere Kunden. Aber auch kurzfristig ist es wichtig, Energie zu beschaffen oder auch wieder an den Markt zurückzugeben. Diese Energie kann innerhalb von Minuten gehandelt werden. Damit sorgen wir dafür, dass immer genügend Energie zur Verfügung steht.

Die Verbrauchsstruktur hat einen sehr großen Einfluss auf den Preis. Denn benötigt der Industriekunde einen Großteil seiner Gasmengen in den Wintermonaten, dann ist sein Gaspreis deutlich höher als bei einem Kunden, der gleichmäßige Gasmengen über das Jahr hinweg verbraucht.

Wir unterscheiden beim Energieeinkauf beispielsweise in Arten von Kundengruppen. Haushalts- und Kleinstkunden beschaffen wir in Tranchen und über einen längeren Zeitraum, in dem wir den Markt beobachten und analysieren. Bei Tranchen zerlegen wir die benötigte Gesamtenergiemenge in Pakete und beschaffen die Teilmengen zu verschiedenen Zeitpunkten. Aufgrund der Preisschwankungen am Markt mindern wir somit das Risiko, Energie teuer zu beschaffen und nutzen optimiert Marktchancen aus. Energiemengen für Gewerbe- und Industriekunden werden oftmals zu dem Zeitpunkt preislich bewertet, wenn der Kunde ein Angebot anfragt. Diese Kunden müssen sich dann innerhalb einer vorgegebenen Frist – meist nur wenige Stunden – entscheiden, das Angebot anzunehmen. Sie bekommen quasi einen Livepreis des Marktes.

Virtuelle Handelspunkte

Es gibt die Strombörse in Leipzig, die PEGAS und die EPEX Spot in Paris. Hier können wir Strom- und Gasprodukte kurzfristig für die nächste Minute oder langfristig für die nächsten zwei bis drei Jahre kaufen. Zum anderen gibt es den bilateralen Handel (OTC – Over the Counter = über die Ladentheke). Das können Sie sich wie beim Aktienhandel vorstellen, welcher durch einen Energiebroker abgewickelt wird.

Das Prozedere ist gut mit der Buchung von Reisen oder Flügen vergleichbar: Wer langfristig seine Urlaube plant und bucht, kann sich oft gute Preise sichern.

Nicolle, welche Faktoren beeinflussen den Energiepreis an der Börse?

Es gibt sehr viele preisbeeinflussende Faktoren am Energiemarkt. Die Energiemärkte spielten in den vergangenen Jahren, erst durch die Corona-Pandemie und dann durch den Angriffskrieg von Russland auf die Ukraine sowie den damit verbundenen Sanktionen gegenüber Russland, verrückt. Wir haben nie vorher gesehene Preisexplosionen erlebt.

Ein weiterer Faktor ist das Wetter und die damit verbundenen Wetterprognosen, welche hauptsächlich den Kurzfristhandel beeinflussen. Sinkende und steigende Temperaturen, Wind- und Solareinspeisung wirken auf fallende oder steigende Preise, nicht nur hier in Deutschland. Auch weltweite Kälte- oder Hitzeperioden lassen die Energiepreise schwanken. Dürrezeiten, wie beispielsweise aktuell in Frankreich, wo Wasser dringend zum Kühlen von Atomkraftwerken benötigt wird, haben ebenfalls einen sehr großen Einfluss. Niedrige Flusspegelstände gefährden zudem Kohlekraftwerke und zwingen die Energieversorger, Erdgaskraftwerke hochzufahren. Für diese muss dann kurzfristig teureres Erdgas am Markt beschafft werden.

Nicht nur der Europäische Markt hat Wirkung auf unsere Energiepreise, sondern auch die LNG-Nachfrage in Asien. Mit dem sich abzeichnenden wirtschaftlichen Aufschwung in China wird der Gasbedarf des Landes wieder deutlich ansteigen, was zu einer Verknappung der vorrätigen Mengen führt und somit zu höheren Preisen.

Weitere preisbeeinflussende Faktoren sind Bankenturbulenzen und auch Streiks im In- und Ausland.

Nicolle, wie reagiert ihr auf Schwankungen an den Energiemärkten?

Das Wichtigste ist zunächst erst einmal, Ruhe zu bewahren. Wir beobachten und analysieren die Märkte sehr genau. Auf Grund unserer langfristigen Beschaffungsstrategie für Haushaltskunden – Mengen über längere Zeiträume zu verteilen – können wir Preisrisiken reduzieren. Im vergangenen Jahr sorgte diese Strategie dafür, dass die immensen Preissteigerungen des Marktes durch den Wegfall des russischen Erdgases nicht vollumfänglich auf unsere Haushaltskunden umgelegt werden mussten.

Auch beobachten wir die Entwicklungen des Wetters sehr genau, um Bedarfsmengen im Kurzfristbereich optimiert einzudecken. In unserem Bereich arbeiten sehr erfahrene Kolleginnen und Kollegen, die Berufserfahrung im Energiesektor und speziell im Energieeinkauf haben. An den Energiebörsen darf nur handeln, wer über die entsprechenden Börsenzulassungen verfügt.

Nicolle, welche Mengen an Energie beschafft ihr an einem Tag?

Das ist sehr unterschiedlich und abhängig von Bedarfen im Kurzfrist- oder Langfristbereich. Zwischen 600 Gigawattstunden für einen Lieferzeitraum von einem Jahr und minimal 24 Megawattstunden für den Folgetag ist alles an einem Tag möglich.

Ein Vier-Personen-Haushalt verbraucht im Vergleich pro Jahr ca. 6.000 kWh Strom und ca. 20.000 kWh Gas.

Marcus, gibt es an der Börse unterschiedliche Preise für "normalen" Strom aus einem Strommix und für grünen Strom?

An der Börse vereinen sich alle möglichen Erzeugungsarten. Das können Sie sich so vorstellen, dass der Strom aus konventionellen Kraftwerken (Kohle, Gas, Atomenergie) und Erneuerbaren Energien (Wasser, Wind, Solar, etc.) in einem großen Topf geworfen wird. Je nachdem wie groß der Strombedarf der Verbraucher (Industrie, Gewerbe und Haushalte) in den einzelnen Stunden ist, ergibt sich ein anderer Börsenpreis. Es wird also kein reiner Grünstrom an der Börse gehandelt und daher gibt es auch nur einen Börsenpreis. Um unseren Kunden Grünstrom anbieten zu können, schließen wir bilaterale Verträge mit den Erzeugern von Erneuerbaren Energien ab.

Solaranlage und Windrad

Nicolle, welche Frage wird dir am häufigsten privat gestellt und wie ist deine Antwort darauf?

Das sind sehr viele Fragen zum Thema Gas- und Strompreiserhöhungen und nicht nur eine Frage. Natürlich sind das auch die gleichen Fragen, die unsere Kundinnen und Kunden bewegen. Die Energiepreisentwicklungen können wir leider kaum beeinflussen, aber auf unser Verbrauchsverhalten können wir achten. Auch vergessen viele, dass der Anteil an Steuern, Abgaben und Umlagen am Erdgaspreis fast 17 Prozent und beim Strompreis fast 50 Prozent beträgt.

Nicolle, was möchtest du unseren Kundinnen und Kunden mitgeben?

Unser Ziel ist, die Energie so zu beschaffen, dass wir die sich ergebenden Chancen nutzen und die Risiken vermeiden, damit wir unseren Kunden Energie zu einem fairen Preis anbieten können.

Marcus, was gefällt dir an deinem Job und warum arbeitest du gern in der enviaM-Gruppe?

Im Energiehandel zu arbeiten, bringt viel Abwechslung mit sich. Dabei sind die täglichen Handelsgeschäfte für unsere Kunden nur ein Teil unserer Arbeit. Wir beobachten sehr genau die Preisentwicklung am Energiemarkt, um Rückschlüsse auf unsere Handelsgeschäfte zu ziehen. Dabei kann es auch schnell mal sehr hektisch zugehen. Die Mengen an Strom und Gas, die täglich gehandelt werden, erreichen hohe Summen, die aufgrund der Marktpreisbewegungen starken Schwankungen unterliegen.
Dabei ist kein Tag wie der andere, und es sind stets neue Herausforderungen zu meistern. Die Mischung aus täglichen Routinen und spannenden neuen Aufgaben macht den Job so interessant.

Mehr Informationen zur aktuellen Marktlage finden Sie auf www.enviaM.de/marktsituation bzw. zu den Strom- und Gaspreisbremsen hier.

Wie sich der Strompreis zusammensetzt, erklären wir in diesem Blogbeitrag.

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