Urban Mining – Die Stadt als Rohstofflager

Glas, Metall, Beton, Ziegel, Holz – in unseren Städten sind tonnenweise Rohstoffe verbaut.
Beim Abriss geht der Schutt meist ins Downcycling. Das heißt, er wird als minderwertiges Füllmaterial im Straßen- und Erdbau verwendet. Doch wäre es nicht sinnvoller, das Material direkt vor Ort einfach weiter zu nutzen? Genau das ist die Idee von Urban Mining.

Rohstoffknappheit

Die Bauwirtschaft boomt, die Städte wachsen über ihre Ränder hinaus. Rund 40 Prozent aller Rohstoffe werden im Baubereich verbraucht – und landen am Ende ihres Lebenszyklus auf der Deponie. Rein rechnerisch verbraucht jeder Einwohner in Mitteleuropa täglich etwa 40 Kilo Bodenschätze und Rohstoffe. Die Rohstoffvorräte wie Öl, Kohle oder Eisen in natürlichen Lagerstätten sinken immer weiter, die Preise hingegen steigen stark.

Dabei könnten viele Materialien wiederverwendet werden. Unsere Städte sind ein gigantisches Rohstofflager. Mit Urban Mining werden aus Dingen, die eigentlich Abfall sind, Rohstoffe gewonnen und damit neue Produkte hergestellt. So sinkt der Bedarf an neuen, teuren Rohstoffen aus der Erde, die Kosten für die Entsorgung des Mülls werden eingespart und das Klima geschont.

Urban Mining

Seit 1990 hat Recycling 50 Millionen Tonnen Kohlendioxid allein in Deutschland eingespart. In unseren Haushalten entstehen beispielsweise pro Jahr und Person fast 500 Kilogramm Abfall. Das meiste davon ist verwertbar. In deutschen Müllbergen ruht Schätzungen zufolge mehr Eisen, als das Land in einem Jahr verbraucht.
Bau- und Abbruchabfälle machen hierzulande die Hälfte des gesamten Abfallaufkommens aus. Dabei sind wir bei vielen Baumaterialien und Industriemineralien nahezu vollständig auf Importe angewiesen.

Was genau ist Urban Mining?

Nach dem zweiten Weltkrieg haben die sogenannten Trümmerfrauen Stein um Stein aus den zerbombten Gebäuden geborgen. Daraus entstanden neue Wohnhäuser und Fabriken. Der Ansatz des Urban Mining ist also nicht neu, aber über die Jahre in Vergessenheit geraten. Der Begriff bedeutet so viel wie Bergbau in städtischen Gebieten und kam in den 1980iger Jahren auf.

In Deutschland werden jährlich rund 1,3 Milliarden Tonnen an Materialien eingesetzt. Diese verbleiben oftmals lange Zeit in Infrastrukturen, Gebäuden und Gütern des täglichen Gebrauchs. So haben sich enorme Materialbestände angesammelt, die Potenzial als zukünftige Sekundärrohstoff-Quelle bergen.

Säulen des Urban Mining

Gutes Urban Mining beginnt beim Design: Gebäude, Fahrzeuge oder Produkte sollten so gebaut sein, dass die darin enthaltenen Rohstoffe ohne teures, oft nicht rentables Recycling zurückgewonnen werden können. Dafür ist es notwendig, zu dokumentieren, was wo verbaut wurde.

Urban Mining

Analog zum Bergbau braucht es auch für den Städtebau Techniken und Methoden, um Rohstoffe zurückzugewinnen. So beschäftigt sich die TU Bergakademie Freiberg bereits seit 1765 mit dem Auffinden, dem Abbau und Methoden der Aufbereitung für die Primärgewinnung von Rohstoffen. Heute wird entlang der Wertschöpfungskette in den vier Themengebieten Geo, Material, Energie und Umwelt für eine nachhaltige Stoff- und Energiewirtschaft gelehrt und geforscht.

Wertstoffe in Gebäuden, Produkten und der Infrastruktur zu erkennen, noch bevor diese zu Abfall werden, und sie zukünftig als Sekundärrohstoffe zu nutzen – das ist das Ziel von Urban Mining. Eine Energieeinsparung von 95 Prozent ist laut dem Gesamtverband der Aluminiumindustrie beim Recycling möglich. Für die Rückgewinnung von Sekundäraluminium werden zum Beispiel nur fünf Prozent der Energie eingesetzt, die für die Herstellung von Primäraluminium benötigt wird.

Zukunftstechnologien erzeugen steigenden Rohstoffbedarf

Für den Bau eines Elektrofahrzeugs werden etwa 100 Kilogramm Kupfer benötigt, doppelt so viel wie für einen Mittelklassewagen.

Elektroauto

Allein in einem Windrad stecken etwa acht Tonnen des Metalls, bei großen Offshore-Anlagen sind es bis zu 30 Tonnen.

Die sogenannten „anthropogenen“ Kupferbestände, die weltweit in Bauwerken, Infrastruktur und Produkten enthalten sind, sind fast genauso groß wie die geschätzten natürlichen Ressourcen.

Bereits heute gibt es Beispiele für Urban Mining. So denkt die Firma ABB mit Partnern über eine Zweitverwertung der Lithium-Ionen-Batterieblöcke aus Elektrofahrzeugen als Energiespeicher für Wind- und Solarenergie nach. Wenn diese nach etwa zehn Jahren nur noch über rund 70 Prozent ihrer Anfangskapazität verfügen, soll ihnen so ein „zweites Leben“ als Zwischenspeicher eingehaucht werden. Die Batterieblöcke der E-Autos sind so ein wichtiger Baustein innerhalb eines Smart Grid.

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